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Die Reifeprüfung


Der Mond schien hell auf die kleine Lichtung des Waldes.

Jemand schlich sich aus den Schatten des Unterholzes, die Augen wachsam und den Kopf in die Richtung eines noch so kleinen Geräusches drehend. Die einst edle aber einfache Kleidung hing zerschlissen von seinem Körper und unterstrich den Anschein, dass dieser Mann nicht mehr das ist, was er einst war und in der letzten Zeit eine weit reichende Veränderung durchgemacht hatte.

Wie man es ihm aufgetragen hatte, wartete er auf die Mitternachtsstunde. Sie kamen und gingen und er wunderte sich, noch niemals haben sie ihn warten lassen, immer waren sie rechtzeitig zu Verabredungen erschienen.

Ein leises Geräusch aus dem Wald in seinem Rücken, ließ ihn herumfahren und geduckt in die Knie gehen, so dass seine Hände mit den ungewöhnlich langen Fingern den Boden berührten.

Rote Augen glimmten aus dem Unterholz, ihn fixierend. Mehr das Aufrichten seiner vielen Nackenhaare als ein Geräusch ließ ihn langsam den Kopf in eine andere Richtung drehen.

Dort stand ein Geschöpf, stark mit einem dichten, grauweißen Fell. Er wusste, dass dieser Wolf dort am Waldesrand ihn bald angreifen würde.

Seine Finger schienen noch weiter zu wachsen und seine Nägel wurden zu langen Krallen, nützliche Werkzeuge für den bevorstehenden Kampf.

Ein Licht flutete über dem Wald, ein frisch entflammtes Feuer ließ den Himmel in einem bizarren Schattenspiel erscheinen.

Jetzt wusste er was sein Ziel war: Wenn er dieses Feuer erreichte, war er gerettet.

Als er den Gedanken noch nicht beendet hatte, sprang der Wolf in seine Richtung. Zu langsam und eindeutig waren die Bewegungen des Tiers, das man ihnen leicht entgehen konnte. Es war eine Herausforderung die Hatz zu beginnen.

Als er zu den ersten Sprüngen in die Richtung, in der er das Feuer vermutete, ansetzte hörte er wie der erste Wolf aus dem Unterholz brach und ihm folgte.

Die Jagd hatte begonnen.

So schnell ihn seine Beine trugen, lief und sprang er zwischen den Bäumen hin und her. Die Wölfe nicht weit hinter sich vermutend, spürend, wissend, dass sie ihn bald einholen würden.

Äste und Dornen stachen in seine Kleidung und Gesicht, den Widerstand und kleine Wunden ignorierend hastete er weiter über umgestürzte Bäume und wich anderen aus. Wie aus dem Nichts sprang einer der Wölfe ihn durch das Geäst eines jungen Baumes an, seine Fänge in die Schulter seines Opfers grabend und hoffend ihn unter sich zu begraben.

Trotz der Schmerzen zog er seine klauenbewehrte Hand über den Kopf des gewaltigen Tieres. Ein schmerzverzerrtes Jaulen und der nachlassende Druck an seiner Schulter verrieten ihm, dass sein verzweifelter Versuch erfolgreich war.

Schnell war er wieder auf den Beinen, die beiden Wölfe liefen links und rechts von ihm außerhalb seines Blickes. Er wusste, dass nun der andere an der Reihe war ihn zu attackieren und wartete, sich zwingend einen Fuß vor den anderen zu setzen, auf den Angriff.

Zwischen den Bäumen konnte man schon die Flammen erahnen, als der andere Wolf, etwas kleiner aber um ein vielfaches schneller, mit einem Satz auf dem Rücken seines Opfers landete um ihm seine scharfen Reißzähne in den Nacken zu schlagen.

Sich von einem großen Stück Fleisch aus seinem Genick verabschiedend, griff er nach hinten und zog mit unglaublicher Anstrengung den Wolf von seinen Schultern. Ein Tier in ihm spürend, das nur noch schwer unter Kontrolle zu halten war, schlug er seine eigenen Zähne in den Hals des Tieres während seine linke Hand einen Streich über den ungeschützten Bauch des Jägers führte.

Der Wolf erschlaffte und fiel zu Boden, mit einem kleinen Sprung überwand er das Hindernis und brach durch das Dickicht auf den Platz mit dem Feuer. Seine Angst hatte einen Pegel erreicht, den er bis dato nicht kannte und spürte keine Verbesserung als er die Wärme des Feuers spürte.

Denn vor dem Feuer stand eine Gestalt. Auf hundeähnlichen Beinen aufrecht stehend, mehr als zwei Meter groß, und mit Armen wie junge Eichen deren Krone eine Klauenhand war, der man ansah, dass sie Gegner mit einem Schlag vernichten könnten. Reste einer Hose und eines Hemdes klebten an der Bestie, die wie eine Metamorphose aus Mensch und Wolf aussah und sich langsam aber mit äußerster Eleganz und Präzision bewegte.

Nur noch dieses Wesen zwischen ihm und dem rettenden Feuer.

Seine letzte Energie in einen Scheinangriff werfend, sprang er auf das Wesen zu, das zu einer Seite auswich und seine Klauenhand dorthin brachte, wo er im nächsten Moment seinen Kontrahenten vermutete.
Doch dieser hatte sich im Sprung gedreht und hatte so den Flug in eine andere Richtung gelenkt. Er landete auf allen vieren und lief ohne sich weiter um seinen Gegner zu kümmern auf das Feuer zu.

Er lief so weit er konnte ohne vom Feuer verzehrt zu werden oder er einer Flucht der Wärme vorzog.

Sein Blut kühlte sich langsam ab, die Schmerzen in seinem Nacken und seiner Schulter waren kaum noch auszuhalten. Er neigte den Kopf zur Seite, um zu sehen was das Wesen tat. Es war verschwunden.

Aus dem Wald traten zwei Gestalten. Eine kleine Frau, aus tiefen Bisswunden an ihrem Hals sickerte dickflüssiges Blut und die braune Lederjacke war am Bauch vom Blut dunkel gefärbt und ihr Schweif schwang im Takt ihres wiegenden Ganges.
Neben ihr schritt ein Mann mit langen, wilden Haaren und starkem Bartwuchs, dessen linke Gesichtshälfte aufgerissen war. Die leere, blutige Augenhöhle starrte ins Nichts.
Beide lächelten sie trotz ihrer Verwundungen und sagten ihm, was er schon lange hören wollte.

"Willkommen Bruder"