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Stairway to heaven


Das Telefon klingelt.
Wie jede Nacht.
Routiniert streift mein Blick das Display, um zu entscheiden, ob ich besser abnehme oder nicht. Ah München, nee besser nicht, das macht sie selbst, das weiß ich sehr gut. Genau in diesem Moment endet das Klingeln gefolgt von ihrem glockenhellen Lachen, von dem ich manchmal glaubte, es sei für immer verschwunden.

Ich beschließe mir einen Kaffee zu machen, denn das kann dauern bis sie wieder auflegt und dann will sie sicher gleich losfahren, wobei für Kaffee keine Zeit bleiben wird. Sie würde sowieso keinen wollen, sie mag keinen Kaffee, der ist so schlecht für den Teint und den Blutdruck. Zumindest ist das unsere gängigste Ausrede.

Ich verdrücke mich in die Küche, wo mein Blick auf die Zeitung fällt, die der Yuppie liegen gelassen hat. Der Yuppie heißt eigentlich Alexander, aber keiner von uns nennt ihn wirklich so. Alex ist ein Kerl, der Geld macht: Jung, dynamisch, erfolgreich und auch wenn er für meinen Geschmack zuviel kokst, ist er ein Profi. Ich frage mich nur, warum ich hinter ihm herräumen muss und zwar nicht nur die Zeitung.

Jeder macht hier eben seine Aufgabe, meine lässt sich vielleicht mit Sekretär beschreiben oder wie Alex so gern sagt "Personal Assistant". Die anderen sind mehr im Außendienst tätig, kommen also nicht so häufig hier vorbei und könnten irgendwas liegen lassen. Ich blättere raschelnd die Zeitung durch, während mir das Blubbern der Maschine verkündet, der Kaffee könne gleich fertig sein. Ich überfliege ein wenig den Lokalteil, in dem sich nichts Aufsehen erregendes findet und gieße mir ein. Ein Schluck belehrt mich, die richtige Wahl getroffen zu haben, das Zeug könnte Tote erwecken, wer weiß schon, wann diese Nacht für mich endet.

Draußen wird das Schneetreiben immer dichter, soviel hat es in Hamburg seit Jahren nicht mehr gegeben, hoffentlich hört es wieder auf, bevor ich auf der Straße bin. Während ich so aus dem Fenster sehe, ein paar mögliche Routen durchgehe und meinen Kaffee schlürfe, frage ich mich ernsthaft, warum der Münchner sich eigentlich nicht wundert.

Worüber? Nun, dass er sie immer nur erreicht, wenn es Nacht ist. Die beiden kennen sich jetzt etwa drei Jahre und er hat sie nie am Tage getroffen oder gesprochen, das weiß ich sicher. Es muss ihm aufgefallen sein, aber es gibt auch dafür ausreichend passende Ausreden und Erklärungen. Es ist so leicht, einen Schein am Leben zu halten. Für Analphabeten und Bulimiker ist es schon fast kein Problem, warum also für uns? Uns und Wir klingt jetzt so, als gehörte ich dazu, das stimmt auch mit einer Einschränkung. Ich bin nicht so wie sie und Ihresgleichen, ich gehöre nur zu den wenigen Eingeweihten, für die sich der Schleier der Maskerade gehoben hat. Und das ist mehr, als manche verkraften könnten, daher belassen wir es bei dieser geringen Zahl und haben ein gutes Leben.

Ich trinke den letzten Schluck aus und stelle gerade die Tasse ab, als hinter mir ihre Stimme erklingt: "Na, hast du gut geschlafen?"
Ich war so mit meinen Gedanken beschäftigt, weshalb mir das Ende ihres Telefonats entgangen sein muss. Sie lehnt am Türrahmen und wirft mir auf mein zustimmendes Murmeln hin einen verschwörerischen Blick zu.
"Wie ist der Status, hat der Quiddje sich mal wieder gemeldet?"

Als sie den "Quiddje" erwähnt, wird mir ganz mulmig. Er ist zwar neu in Hamburg, was ihm diese Bezeichnung ihrerseits eingebracht hat, aber trotzdem zählt er zu den einflussreichsten Leuten dieser Stadt. Er ist wichtig, aber schwer einzuschätzen, so was mag ich nicht.

"Nein, es hat sich nichts getan, was uns berühren sollte. Keine unerwarteten Nachrichten, Briefe oder Geschenke. Ich glaube, die Stadt schläft unter ihrer Schneedecke und mit ihr die ganze Gesellschaft." berichte ich grinsend.
Sie hat nur ein schiefes Lächeln für meine Feststellung übrig, als sei sie ein wenig enttäuscht, und entschwindet dann in Richtung Kleiderschrank. Ich weiß, was mir gleich blühen wird, trotte aber dennoch pflichtbewusst hinterher und entscheide, mich einfach auf das Bett fallen zu lassen. Ich helfe ja wirklich gern, aber ich hasse die Frage, die gleich kommt.

"Sieh doch mal, welches gefällt dir besser?"

Ich riskiere einen vorsichtigen Blick und weiß wie immer keine Antwort, sie sieht für mich in jedem ihrer Kleider gut aus. Sie weiß das, aber sie fragt trotzdem, weil es sie amüsiert, wenn ich so ratlos bin. Also lasse ich mich auf das Spiel ein und seufze nur deutlich zur Antwort, was ihr scheinbar genügt, denn ich wette, sie wusste schon gestern Nacht, was sie heute tragen will. Ich gebe meinen gemütlichen Platz und die langweilige Aussicht auf die Decke des Schlafzimmers auf und gehe zu ihr hinüber, um mich nützlich zu machen.

Sie hat mir den Rücken zugewandt, was einer Aufforderung an mich gleichkommt, den Reißverschluss zu schließen. Ich erwische mich selbst bei dem Bemühen, es so schnell wie nötig und so langsam wie möglich zu machen, ohne dass sie davon etwas bemerkt. Ich genieße die Nähe zu ihr, die in den letzten Monaten für mich deutlich abgenommen hat, weshalb ich mich nur mehr danach sehne. Sie hat sich geändert, was nicht mehr vielen ihrer Art gelingt, ob zum Besseren vermag ich nicht zu sagen. Sie sagt, sie hätte sich selbst neu erfunden, nur was sie nun geworden ist und warum, das sagt sie nicht.

Sie dreht sich zu mir herum, legt ihre kühle Hand in meinen Nacken, zieht mich zu sich hinab und haucht mit eiskalten Lippen einen Kuss auf meine Stirn. Eine Welle von Euphorie rast durch mich hindurch, die jeden quälenden Zweifel im Bruchteil eines Augenblicks hinfort fegt und stattdessen nur ein wohliges Gefühl zurücklässt. Ich öffne langsam meine Augen und sehe ihr sanftes Lächeln wie sie leise sagt:

"Du weißt, ich liebe keinen so wie dich."

Es erscheint mir wie eine Ewigkeit, wie sie mich so ansieht und ich würde sonst was dafür geben, dass es niemals endet. Sie lächelt noch immer und bedeutet mir mit einem Nicken in Richtung Tür, dass sie gehen will, begleitet von einem leisen Seufzen murmele ich eine Zustimmung.
Dann wendet sie sich ab, wobei ihr Lächeln kurz erlischt und einem Ausdruck von größtem Leid Platz macht, als husche ein Schatten über ihr Gesicht und fülle ihre Augen für einen winzigen Moment mit tiefster Traurigkeit. Ich gebe vor es nicht bemerkt zu haben und öffne eine der Schubladen, in der meine Waffe liegt. Ich wiege sie kurz in der Hand, unterziehe sie einem prüfenden Blick und lasse sie dann im Holster unter meinem Jackett verschwinden.
Wir sind vorsichtig geworden in letzter Zeit.
Zu Teil II