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Heimkehr


Im Licht einer Laterne funkelt der schwarze Asphalt unter meinen Füßen. Er ist feucht vom Regen in einer kleinen, dunklen Pfütze. Mein Fuß tritt hinein, ohne von der Nässe erreicht zu werden. Ich gehe weiter durch die beruhigende Schwärze der nächtlichen Stadt. Es ist spät, sehr spät in der Nacht. Am Himmel beginnt der samtene Schleier sich schon zu heben, gleich der Tür eines riesigen Verbrennungsofens. Mein Blick bleibt auf der Straße hängen, auf dem funkelnden Asphalt und meinen beschleunigten Schritten. Es ist spät geworden in dieser Nacht. Ich habe getanzt, habe gelacht und getrunken und dabei die Zeit vergessen. Er war schön, ein junger schöner dunkler Mann, bei dem ich den Rest der Nacht verbrachte. Er ahnte nichts von dem Morgen, von den sengenden Strahlen einer erbarmungslosen Sonne, von schmerzenden Augen und der Sehnsucht nach Dunkelheit.

Die Nässe liegt nur vereinzelt auf der Straße, in glänzenden Pfützen, in denen sich das Wasser sammeln konnte. Achtlos trete ich in die Pfützen, auf meinem Weg nach Hause in die schützende Sicherheit. Die Berührung seiner Hand liegt noch auf meiner Haut. Den Hauch seines Atems, die Wärme seines Körpers trage ich mit mir durch die dunkle, schwarze Straße nach Hause. Ein leichter Schimmer des Lichtes als Vorbote des sengenden Tages dringt in die Stadt. Dieser Schimmer färbt das Grau mit dem Anflug der Farben, erster schüchterner Farben am Ende einer langen, schwarzen Nacht. Sie schmerzen noch nicht in den Augen, noch liegt die ruhige, dunkle Straße vor mir unter dem grauen Schleier der sanften Dunkelheit. Noch sind Farben nur andeutungsweise vorhanden, noch sind Menschen nur vereinzelt unterwegs. Ich trage keine Uhr bei mir, doch mein Gefühl sagt sechs Uhr morgens. Sechs Uhr am Beginn eines Herbsttages oder sechs Uhr am Ende einer Herbstnacht - wie man es sieht.

Eine Frau kommt mir entgegen. Sie geht die Straße entlang mit kurzen müden Schritten. Ob sie so müde ist wie ich? Aber sie wirkt verschlafen, nicht übernächtigt. Ihre Schritte sind müde vom frühen Aufstehen an einem langen Tag, nicht von einer Nacht in der Stadt die zu lange dauerte. Ihre Schritte sind langsam und suchend, nicht schnell und fliehend wie meine Schritte. Sie führen mich durch den anbrechenden Morgen nach Hause in die Dunkelheit meiner heimischen Zuflucht. Dort will ich mich hinlegen und schlafen, den ganzen Tag ohne Unterbrechung bis zu einer neuen, schwarzen, süßen Nacht.

Die Nacht verbirgt die Farben, deckt sie zu mit einer dunklen Decke. Einer Decke, die sanft und kaum spürbar und doch stark ist, stark genug die Strahlen der Sonne zu bannen. Sie umschlingt mich mit weiten, großen, starken Armen. Unter ihrem Mantel kann ich tanzen, lachen und trinken. Ich kann zurückkehren zu dem schönen dunklen Mann um wieder zu lieben und die Wärme seines Körpers zu spüren. Die Nacht ist weit und sanft und deckt mich zu mit einer Decke aus Kühle und Schwärze. Die Frau geht an mir vorbei. Ihre Augen blicken zu Boden, ohne mich zu bemerken. Sie wird einen langen, harten Tag haben, der mit der Sonne beginnt und mit der Sonne endet. Am Abend, wenn ich mich erhebe, wird sie sich hinlegen, müde und erschöpft, voller Angst vor der gnädigen Nacht, die Glieder so müde wie meine Seele, eine Müdigkeit die dich zu schlafen zwingt nach 12 Stunden Wachsein.

Mein Blick wandert weiter über die Wände der Häuser. Sie waren dunkler, als ich am Abend hier vorbeikam. Das Schwarz ist einem Grau gewichen, in dem ich schon erste Andeutung von Farben erkennen kann. Dieses Haus scheint rot zu sein, wenn die Sonne es bescheint, jetzt, im Schein einer Laterne und der beginnenden Dämmerung sehe ich nur helles Grau, durch das ein roter Schein blinkt, wie das Blitzen des Metalls einer Messerscheide, bevor sie vorschnellt um zu töten - schnell, sicher und hart. So ist das Rot auf den Wänden der Häuser, so sind die Strahlen der Sonne. Schnell, sicher und tödlich. Es bleibt nur sich zu verbergen vor ihrer sengenden Hitze.

Menschen werden da sein, viele Menschen mit ihren schnellen Schritten, die sie irgendwohin führen, mit ihren Taschen und Mänteln. Sie werden die Straßen füllen, es sind ihre Tage solange die Sonne am Himmel alle fern hält, die wie ich sind. All die, die das Licht scheuen, die sich fürchten vor Hitze und Licht und den unberechenbaren Ängsten der Menschen. Meinen Mantel ziehe ich eng um meine Schultern, den Kopf halte ich gesenkt, während ich weiter eile. Ich biege in eine andere Straße ein. Hier stehen Bäume in kleinen Beeten auf dem Bürgersteig. Auch sie erwarten die Sonne. Ihre Äste sind kurz, ihre Zweige verkümmert. Sie tragen nur wenige Blätter. Diese Bäume sind nichts als Schmuckstücke, das sich Menschen in ihre Städte stellen um zu vertuschen, dass sie ihnen woanders das Leben abschneiden. Leben - ich bin süchtig nach Leben. Ich bin süchtig nach dem wilden, offenen, gierigen Leben der Nacht. Dann sind die Menschen einander gleich geworden. Sie schlafen in ihren Betten und sie tanzen in den Bars - egal was sie am Tag tun. Sie alle brauchen Schlaf, sie alle träumen und sie alle lassen sich gerne verführen. Am Tag ist das anders, am Tag gehen sie zur Arbeit, sie tun das wofür sie bezahlt werden, und sie tun das was ihnen andere sagen. Am Tag spalten sie sich auf in die, die befehlen und die, die gehorchen - in der Nacht gehorchen und befehlen sie nicht, sie sind frei. Ich liebe die Freiheit, die Freiheit der Nacht. Am Tag bleibe ich liegen und schlafe, schon dadurch bin ich anders als sie. Sie verurteilen was ich tue, sie verurteilen mich.

Ein Mann kommt mir entgegen, seine Schritte sind fest, sein Blick ist klar. Er scheint ausgeruht zu sein. Dieser Mann liebt den Tag, er erwartet ihn und steht schon früher auf, um ihn begrüßen zu können. "Guten Morgen" sagt er zu mir. Ich verzichte darauf, ihn zu fragen was an diesem Morgen gut sein soll, oder was an irgendeinem Morgen gut sein soll. Gut und Morgen sind zwei Worte die nicht zusammengehören. Gut und Morgen sind völlig gegensätzlich Begriffe. Aber ich schweige und gehe schweigend weiter, vorbei an ihm und an seinem "Guten Morgen"-Grinsen.

Der Mond ist lange verschwunden, fort, auf der anderen Seite der Erde. Sein sanftes Licht ist erloschen, lange vor der Morgendämmerung. Er hat mir die Nacht über geschienen, mit der beruhigende Botschaft, dass die Sonne noch fern sei und ich noch ungestört bleiben kann. Sah ich aus dem Fenster des Schlafzimmers, konnte ich ihn sehen. Bleich und still stand er hoch oben am Himmel, weit entfernt und doch nah. Eine freundliche, helle Scheibe am Himmel. Ein Puffer zwischen mir und der Sonne, die das Licht filtert und nur einen sanften, silbernen Abglanz zu mir durchdringen lässt.

Langsam, fast unmerklich, werden die Farben klarer. Meine Umwelt erhält scharfe Konturen. Als würde ein Messer sie aus dem weichen Grau herausschneiden. Das Messer blinkt vor meinen Augen, ein scharfes metallisches Blinken. Es schmerzt es anzusehen. Die Konturen scheinen in meine Augen zu schneiden. Es tut weh sie anzusehen. Müde wende ich den Blick ab, aber sie sind überall, neben mir, vor mir, sogar unter mir auf dem dahin wandernden Asphalt. Der Asphalt ist aufgeteilt in Platten, Platten deren Zwischenräume wie scharfe Scheren nach mir schnappen. Als wollten sie aus dem Asphalt springen und mich zerschneiden. Ich gehe schneller.

Musik erklingt von der Straße. Am Rand steht ein Auto, nicht weit entfernt, mit abgeschaltetem Motor. Die Musik ist düster und hart. Die beiden Gestalten im Auto tragen schwarze Kleider mit Spitzenbesatz und hohen Kragen. Ein langer, weiter, rot gefütterter Mantel bedeckt sie beide. Ihre Gesichter sind schwarz geschminkt, schwarz wie die Nacht. Es sind schöne Gesichter und sie hören schöne Musik. Die beiden halten sich im Arm, kein Morgen kann sie wirklich schrecken, nur ein wenig beunruhigen, vielleicht sehr stören, aber nicht töten. Der Mantel verdeckt sie, bis auf ihre Hände und Köpfe. Eine von ihnen hält etwas in der Hand, es scheint eine CD zu sein, die andere hält die erste Gestalt im Arm, küsst ihren Kopf. Ein Gefühl steigt in mir hoch, ein altes, vergessenes Gefühl, dass mich beunruhigt und festhält an diesem Ort. Ich verharre, betrachte die zwei in ihrer versunkenen Zweisamkeit. Lange habe ich so etwas nicht gespürt, lange dauert die Schwärze in mir an. Es breitet sich aus, will mich ausfüllen, doch dann fällt es in sich zusammen.

Ich gehe weiter, biege wieder ab, der Weg führt zum Friedhof. Er ist nicht weit, die Straße herunter. Eine Mauer aus aufeinander gestapelten großen Steinen trennt ihn von der Straße. Ein schmiedeeisernes Tor soll bei Nacht die Ruhe der Toten garantieren. Das Tor ist verschlossen, gesichert durch eine schwere, schwarze Kette. Es ist ein einladendes, mattes Schwarz, das schon oft berührt wurde. Jeden Morgen wurde die Kette abgenommen, jeden Abend wurde sie dort angebracht. Sie ist schwer mit großen, dicken Gliedern die sich in einander klammern wie die Arme demonstrierender Menschen. Sie sollen die draussen halten, die bei Nacht den Friedhof besuchen wollen. Wahrscheinlich sollen sie auch mich draußen halten. Hinter mir erreichen erste Strahlen einer unbarmherzigen Sonne den Boden. Fast spüre ich das leise Kribbeln der Angst in meinem Nacken. Ohne die Kette oder auch nur das Tor zu beachten springe ich über die Mauer zum Friedhof. Auf kleinen, grasbewachsenen Vierecken erheben sich Steine. Viele sind rau, mit verwitterten Schriftzeichen versehen. Einige sind aus Marmor, glatt poliert aber doch verwittert. Die Steine stehen aufrecht dort, wo der Kopf sein sollte. Die die hier liegen sind schon lange tot. Die Zahlen auf den Steinen beginnen meistens mit einer 18 oder sogar 17, kaum einer ist aus dem letzten Jahrhundert.

Ich betrete den Weg zwischen den Gräbern. Es ist ein guter Ort für den Tag, ein Ort den Menschen nicht mehr wirklich mit Tod in Verbindung bringen. Schließlich bleibe ich stehen. Auf dem Grabstein steht verwittert, kaum zu entziffern, 1697 - 1715 darunter: In Liebe und ein Name, mein Name.

Ich knie nieder, greife in die Erde, suche und finde den Griff des Sargdeckels und stemme ihn hoch. Das Rot am Himmel wird intensiver, greller. Wie scharfe Dolche springt mich das Grün des Rasens an. Hitze greift nach meinem Rücken. Aber ich stemme den Deckel hoch, und lasse mich hineinrollen in das tiefe mit schwarzer Seide ausgeschlagene Grab. Im Fallen ziehe ich den Deckel mit mir. Mit einem dumpfen Geräusch fällt der Sargdeckel über mich, vor die aufgehende Sonne.